Ganz ohne Pilgerausweis: Kammwanderung in der Niederen Tatra + Slowakisches Paradies

Da ich zur Zeit irgendwie nicht zum Pilgern komme, schreibe ich zur Abwechslung mal etwas über eine Wanderung der anderen Art: Gemeinsam mit meinem Sohn Elias und Freunden habe ich den Sommerurlaub für eine Kammwanderung in der Niederen Tatra (so richtig mit Rucksack und so) und anschließendes "Auspendeln" im Slowakischen Paradies genutzt.

Sowohl die Niedere Tatra als auch das Slowakische Paradies finden sich (wie der Name schon vermuten lässt) in der Slowakei, die Niedere Tatra ist mit ein paar Gipfeln knapp über 2000 m gerade so ein Hochgebirge und hat einen (fast) durchgehenden Kamm, was sie für eine Kammwanderung prädestiniert. Unsere Wandergruppe besteht aus Elias und Justus (beide 13), Hannah (17) sowie Andrea, Steffen und mir (alle im besten Alter ;-)). Wir tragen außer Kleidung und Dingen des persönlichen Bedarfs (für die Bücher konnten wir glücklicherweise einen Ringtausch organisieren) Schlafsäcke, Isomatten und Zelte, Kocher, Geschirr und natürlich jede Menge Essbares auf unseren Rücken. Ach ja – und wir sind alle untrainiert.

Aus Bequemlichkeitsgründen (oder auch, weil ich gar nicht weiß, wie’s geht) werde ich die eigentlich erforderlichen Häkchen usw. auf den slowakischen Ortsbezeichnungen weglassen – wer noch nicht dort war und auch nicht hin will, den juckt das eh nicht und der Rest findet sich schon zurecht…

Montag, 04.08. Donovaly – Hiadelske Sedlo

Nach einer für die Umstände recht erholsamen Nacht im Liegewagen von Prag nach Kosice (kann man in deutschen Zügen heutzutage eigentlich im Klo auch noch die Schienen unten durchrauschen sehen???!) entsteigen wir morgens halb acht dem Zug in Ruzomberok. Bevor uns ein Bus nach Donovaly, dem Ausgangspunkt unserer Kammwanderung, bringt, plündern wir in Ruzomberok noch einen Bäcker und stärken uns mit frischen Hörnchen und Plundergebäck. Die vermeintliche Frischmilch entpuppt sich allerdings als Buttermilch – na, was soll’s, ist eh gesünder.

Halb zehn starten wir in Donovaly. Heute wollen wir zum Eingewöhnen nur bis zum Hiadelske Sedlo, das ist mit knapp 3h angegeben. Uns ist allerdings schon bewusst, dass wir, untrainiert und mit unseren schweren Rucksäcken, sicher länger brauchen werden.

Der Weg geht erst einmal wenig idyllisch an einer Großbaustelle für ein oder mehrere neue Hotels vorbei. Endlich oben am Waldrand angekommen, beginnt sich auf einmal die Sohle von Justus‘ Wanderschuh zu lösen. Wir laufen noch eine Weile weiter und überlegen dabei, ob und wie der Schaden zu begrenzen sei, aber die Ablösung schreitet so rasant voran, dass der Entschluss schließlich lautet: Zurück nach Donovaly! Reparieren oder neue Schuhe kaufen, schlimmstenfalls in der nächsten größeren Stadt Banska Bystrica – das würde vermutlich einige Stunden kosten. Nützt aber ja nix. Also machen sich Andrea und Justus ohne Gepäck auf den Rückweg, wir anderen vertreiben uns derweil die Zeit. Nach einer reichlichen Stunde sind die beiden wieder da – Justus mit neuen Wanderschuhen, erstanden im einzigen Sportgeschäft in Donovaly aus der sagenhaften Auswahl von insgesamt 2 Paar Schuhen – davon eines glücklicherweise zumindest annähernd in Justus‘ Schuhgröße (naja, er kann noch reinwachsen). Na, das ging ja gerade nochmal gut! Nicht auszudenken, wenn uns das mitten auf dem Kamm passiert wäre!

   

Nun wollen wir aber endlich mal etwas vorankommen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Die Rucksäcke drücken ständig an irgendwelchen Körperteilen, das Gewicht zieht uns runter, der Weg geht stetig bergan und die Sonne brennt unbarmherzig. Wir kommen, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich langsam voran. Als wir dann den für heute als Ziel festgelegten Sattel vor uns sehen, geht es wieder etwas flotter. Leider stellt es sich, dort angekommen, dann aber heraus, dass das noch gar nicht "unser" Sattel ist – wir müssen noch über einen Gipfel drüber und auf der anderen Seite wieder herunter – vielen Dank auch! Aber da hilft kein Murren, wir müssen weiter – hier gibt es kein Wasser und außerdem haben wird morgen eine ziemlich große Strecke vor uns – die sollten wir nicht noch künstlich verlängern. Gegen 16:00 kommen wir dann wirklich am Hiadelske Sedlo an – fix und fertig. Dabei war das doch bloß eine kurze Strecke zum "Warmwerden" (das immerhin ist uns ja auch gelungen)! Darüber nachzudenken bleibt uns jetzt aber keine Zeit, denn es zieht schon eine geraume Weile ein Gewitter um uns herum. Also stellen wir flink die Zelte auf – beim letzten Hering fallen die ersten Tropfen. Das nenne ich Timing. Es gewittert fast eine Stunde lang sehr heftig und alle nutzen die Zeit für ein Schläfchen. Danach scheint sogar nochmal die Sonne und die auf- und abziehenden Wolken bieten ein beeindruckendes Schauspiel. Im zweiten Anlauf finden wir jetzt auch die Quelle und es gibt Kartoffelbrei und Klopse zum Abendbrot – absolut lecker! Dann fängt es wieder an zu regnen und wir verziehen uns in unsere Zelte.

Dienstag, 05.08. Hiadelske Sedlo – Hütte "Utulna pod Chabencom" unterhalb Sedlo Durkovej

Beim Erwachen gegen sieben Uhr ist draußen alles ruhig – kein Regen und auch sonst nichts zu hören. Ich mühe mich aus meinem Schlafsack und aus dem Zelt und genieße erstmal diesen atemberaubenden Augenblick der Stille, in dem sich unter der Morgensonne kleine Wolken aus dem Tal nach oben schieben und den es so wohl nur im Gebirge gibt (Tipp für Zweifler: Ausprobieren!). Dann schlendere ich gut gelaunt zur Quelle für eine ausgiebige Morgenwäsche. Mit einem Topf voller Teewasser zurückgekehrt, wecke ich erbarmungslos die anderen – nun wird gemeinsam das Frühstück zubereitet und ausgiebig gefrühstückt. Knapp 3 Stunden später sind wir abmarschbereit – ich habe keine Ahnung, was wir in der Zwischenzeit alles getrieben haben und warum das so lange gedauert hat (Anmerkung: dies wird sich mir auch für die folgenden Tage bis zum Ende unserer Tour nicht erschließen – es gibt halt Dinge zwischen Himmel und Erde, die muss man nicht verstehen…).

Als Ziel haben wir uns heute den Durkov-Sattel bzw. die Hütte unterhalb dieses Sattels vorgenommen (dort kann man auch zelten), das ist mehr als doppelt so viel wie gestern, na, ich bin ja mal gespannt, was das wird. Zum Warmwerden überwinden wir erstmal 600 Höhenmeter zur Prasiva, danach geht es immer im Wechsel bergauf und bergab, aber die Höhenunterschiede halten sich in Grenzen. So langsam findet auch jeder sein persönliches Tempo – irgendwo wird dann gewartet, bis alle eingetrudelt sind. Hannah und Elias haben auf diese Weise immer ziemlich lange Pause, da sie beständig vornweg sind.

   

Unterwegs gibt es immer wieder schöne Ausblicke, allerdings weht auch ein kräftiger Wind, weshalb man die Ausguckstellen meist schnell wieder verlässt. Mit den Rucksäcken geht es heute schon besser, es stimmt also doch noch, dass man sich daran gewöhnt. Als wir aber gegen 19 Uhr die Hütte erreichen, sind wir trotzdem ziemlich geschafft und nehmen dankbar das Angebot an, für 70 SK pro Person (ca. 2,50€) in der Hütte im Matratzenlager zu übernachten – so müssen wir wenigstens die Zelte nicht erst aufbauen. Vorher wird aber noch gekocht – zu einem großen Topf Nudeln mit Tomate und Mozarella gibt es noch ein Bier aus der Hütte und dann sinken wir müde in unsere Schlafsäcke…

Mittwoch, 06.08. Hütte "Utulna pod Chabencom" – Chopok

Morgens um sechs ist im Matratzenlager an Schlafen nicht mehr zu denken, zumindest für mich – meine Mitwanderer scheint das Rumgekrame und Geknister einiger Mitschläfer nicht zu beeindrucken. Also stehe ich seufzend auf, um mich an die Morgentoilette und vor allem an das dreckige Geschirr von gestern abend zu machen – nach dem Bier hatte keiner mehr Lust, in der Dunkelheit noch bis zur Quelle zu tappen.

Heute ist es draußen einfach nur kalt (das Thermometer vor der Hütte zeigt 5 Grad, dazu weht ein eisiger Wind) – da wollen sich erhabene Gefühle nicht so recht einstellen. Die angepappten Reste der Tomatensoße von gestern und das eiskalte Quellwasser tragen auch nicht dazu bei, die Stimmung zu heben – nach einer halben Stunde habe ich alles so einigermaßen sauber und meine Hände fühlen sich an wie zwei Eisblöcke. Als ich erfolgreich an einer einigermaßen windgeschützten Stelle das Teewasser aufgesetzt habe, wecke ich die anderen und erfahre als erstes, dass es Andrea überhaupt nicht gut geht, sie hat die halbe Nacht auf dem Plumpsklo draußen vor der Hütte verbracht und ist entsprechend gut drauf. Na prima, dabei wollten wir heute über 3 Zweitausender (Derese, Chopok, Dumbier) zur Chata Stefanika unterhalb des Dumbier laufen.

   

Andrea kämpft tapfer, aber es zeigt sich schon bald, dass die angedachte Strecke heute nicht zu bewältigen ist. Also wird umdisponiert – unser Tagesziel heißt jetzt Chopok, dort gibt es zwar keine Quelle und Zelten ist auch nicht erlaubt, aber in der Chopok-Hütte kann man übernachten, wenn auch für für hiesige Verhältnisse ziemlich stolze 275 SK (knapp 10€). Also frisch drauflos, die ersten zwei Drittel der Strecke warten wir noch regelmäßig alle auf Andrea, dann zieht der Chopok wohl zu sehr und wir laufen durch – ca. 16 Uhr trudeln wir nach und nach dort ein. Die böse Überraschung folgt auf dem Fuß – die Hütte ist hoffnungslos überfüllt (hauptsächlich durch Vorabreservierungen) und es sind absolut keine Übernachtungsplätze mehr frei. Die Hüttenwirtin kann Englisch und ich schildere ihr unsere Situation möglichst dramatisch – das kann sie aber nicht erweichen, na gut, sie hat sicher auch ihre Vorschriften und kann sich keine freien Plätze aus den Rippen schneiden…

Was soll nun werden? Andrea ist noch nicht mal hier – und dann noch über 2 Stunden (reguläre Gehzeit!) weiter zur Chata Stefanika? Während wir noch beratschlagen, bekommen wir (durch Vermittlung der Hüttenwirtin – wer hätte das gedacht?!) angeboten, in einem zur Wetterstation gehörenden Gebäude unser Lager aufzuschlagen. Dort gibt es sogar (mit Regenwasser betriebene) Duschen und Toiletten, während die Übernachtungsgäste der Hütte sich, wie gehabt, auf das Plumpsklo draußen vor der Hütte beschränken müssen. Wir fühlen uns wie im 7. Himmel. Inzwischen ist auch Andrea eingetroffen, sie hat die Strecke unter großer Kraftanstrengung gut gemeistert und ist einfach nur noch froh, nach einer warmen Dusche in ihrem Schlafsack verschwinden zu können. Ein ordentliches Essen und ein Bier (bzw. eine heiße Schokolade für die Kids) in der Chopok-Hütte beenden den Tag für uns andere…

Donnerstag, 07.08. Chopok – Certovica

Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken geliebäugelt, früh bei Sonnenaufgang auf den Chopok-Gipfel zu steigen und in Ruhe die Aussicht zu genießen. Aber unvorsichtigerweise hatte ich diesen Gedanken laut geäußert, woraufhin sich die begeisterte Schar aller unserer Teenager mir anschließen wollte – war das nun wirklich das, was ich wollte?! Nun liege ich also um 5:30 Uhr in meinem Bett und entscheide mich nach einigem Hin und Her mit meinem inneren Schweinehund, erstmal dort zu verbleiben. Außerdem ist es sowieso neblig. Gegen 7:00 Uhr realisiere ich (nun schon mit etwas wacherem Blick), dass der Nebel in Wirklichkeit angelaufene Fensterscheiben sind. Ich raffe mich also auf und gehe ohne schlechtes Gewissen wegen der nicht geweckten Teenager (Sonnenaufgang ist ja inzwischen vorbei) nach draußen, aber erwartungsgemäß ist es bereits recht diesig und die Zeit der besten Sicht schon vorbei. Immerhin sieht man die Spitzen der Hohen Tatra noch über den Wolken aufragen und ich kann ein paar nette Gegenlichtaufnahmen machen. Außerdem kann ich ganz nahe 2 Gemsen beobachten.

   

Andrea geht es heute glücklicherweise wieder besser und so brechen wir nach unserem wie immer ausgiebigen Frühstück gut gelaunt auf – unser Ziel für heute ist entweder die Hütte Chata Stefanika unterhalb des Dumbier oder die Passstraße bei Certovica, wo es jeweils sowohl eine offizielle Zeltstelle als auch Übernachtungsmöglichkeiten in der Hütte (Stefanika) bzw. in diversen Hotels und Pensionen (Certovica) gibt.

Der Gipfel des Dumbier ist mit seinem 2043 m der höchste Berg der Niederen Tatra und liegt nicht direkt am Kammweg. 45 Minuten bergauf sind es laut Wegweiser vom Abzweig. Wir beschließen, unsere Rucksäcke samt der noch ein bisschen erholungsbedürftigen Andrea am Abzweig zurückzulassen. Ohne die schweren Rucksäcke hat man das Gefühl zu schweben und so benötigen wir nur die Hälfte der angegebenen Zeit bis auf den Gipfel.  Unterwegs sehen wir außer schönen Ausblicken auch noch 2 Murmeltiere, die ganz süß zusammen kuscheln. Vom Gipfel haben wir noch kurz eine lohnenswerte Aussicht, ehe es zuzieht.

   

Der Weg vom Abzweig auf den Gipfel bis zur Stefanika-Hütte zieht sich noch eine Weile, ist aber gut zu gehen und von Blumen am Wegrand sowie schönen Ausblicken begleitet. Die Stefanika liegt sehr schön und ist richtig bewirtschaftet. So verleiben wir uns alle ein gediegenes Mittagessen ein und gehen dann gut gelaunt den Weg hinunter nach Certovica an. Dieser führt uns aber erst einmal mehr bergauf als bergab – das hatten wir auf der Karte doch glatt übersehen, dass der Weg noch über zwei Gipfel führt. Na, was soll’s – ist halt ein Kammweg. Nach den Gipfeln kommen wir bald in die Latschenkiefernregion – diese scheinen hier sehr gut zu gedeihen. Sie wachsen mannshoch und so dicht, dass der Pfad dazwischen oft kaum noch auszumachen ist. Man kommt sich vor wie im Dschungel – es nervt bloß ein bisschen (mit der Zeit ein bisschen mehr), dass man mit dem Rucksack ständig hängen bleibt. Die Teenager hören auf Elias‘ MP3-Player mal wieder den absoluten Renner dieses Urlaubs – Kinderlieder! So was auf dem Niveau von "Rolle, rolle, rolle, roll, mein Ball". Naja, und es kann dann schon auch mal passieren, dass die ach so Erwachsenen lautstark bei "Heidi" mit einstimmen… Irgendwann sind wir dann richtig im Wald und erwartungsgemäß geht der Weg nun sehr steil hinunter nach Certovica.

Dort angekommen, können wir in der Gaststätte noch ein halbes Brot ergattern, indem wir die Kellnerin in gebrochenem Russisch fragen, wo man hier Brot kaufen kann und dazu ganz lieb gucken. Denn natürlich gibt es in Certovica nirgendwo Brot zu kaufen – erst im übernächsten Dorf an der Passstraße, wie die Kellnerin uns noch verrät. Die Zeltstelle befindet sich laut unseren (aus dem Internet bezogenen) Informationen bei der Hütte des Bergrettungsdienstes – also schlagen wir dort auf der Wiese unsere Zelte auf. Eine Quelle gibt es auch in der Nähe und wir dürfen (sogar unentgeltlich) die Toiletten in der Gaststätte benutzen – das Personal ist sehr freundlich. Im Laufe des Abends kommen noch etliche Wanderer, die uns fragen, ob sie hier zelten dürfen – wir erlauben es allen großzügig.

Freitag, 08.08. Certovica – Havrania Polana

Ich stehe 6:30 auf, um mit dem Linienbus nach Nizna Boca zu fahren, dort soll es Brot geben und wir brauchen unbedingt welches – wir verbrauchen ca. 2 Brote pro Tag. Und das, obwohl wir jeden Tag eine richtige Mahlzeit kochen, morgens zusätzlich zum Brot noch Müsli essen (zu Hause selbst gemischt incl. Milchpulver – echt gutes Gewichts-Nährwert-Verhältnis) und manchmal mit Hilfe einer Thermosflasche tagsüber noch ein "Breichen für die Kinder" verabreichen (sowas wie 5-Minuten-Terrine, bloß nich inner Plaste, sondern inner Tüte) – ganz zu schweigen von Unmengen an Müsliriegeln, Schokoladetafeln und Studentenfutter…

Der Brotkauf gestaltet sich als kleines Abenteuer. Die Verkäuferin in der "Potraviny" von Nizna Boca macht ihren Tante-Emma-Laden fast 10 Minuten später auf, als es die Öffnungszeiten versprechen. Ich bin die Erste, hinter mir scheint inzwischen schon das halbe Dorf zu warten (alle sehr geduldig, keiner murrt wegen der verspäteten Öffnung – das ist hier offensichtlich normal). Als ich 5 Brote verlange, schreit die Verkäuferin Zeter und Mordio und erklärt den nach mir Stehenden (soweit ich das aus ihren Gebärden entnehme), dass ich ihnen das ganze Brot wegkaufe. Naja, ganz so schlimm scheint es doch nicht zu sein, zumindest stößt sich auch daran keiner und ich bekomme meine Brote. Der Bus, den ich mir für die Rückfahrt ausgesucht hatte, ist nun natürlich weg und ich muss per Anhalter fahren. Glücklicherweise hält bald ein LKW an, allerdings erweist sich das Einsteigen mit 4 Broten im Rucksack, einem Brot in der einen und einer Tüte Hörnchen in der anderen Hand als echte Herausforderung. Beim ersten Versuch kommt nur ein Rückwärtsabfaller heraus, nachdem ich dann das eine Brot erstmal hoch auf den Beifahrersitz geworfen habe, klappt es aber.

   

Das Frühstück mit frischen Hörnchen wird heute besonders ausgiebig und der Aufbruch mit viertel zwölf besonders spät. An offiziellen Zeltstellen sind heute die Ramza-Hütte oder der Sattel Priehyba im Angebot – ersteres ziemlich nah und zweiteres dann schon recht weit. Der Aufstieg geht allmählich und recht gut, dann folgt eine längere Strecke durch knie- bis hüfthohe Heidel- und Himbeeren. Heidelbeeren gibt es um diese Jahreszeit zwar in der Niederen Tatra fast überall, aber hier braucht man sich nicht mal zu bücken zum Naschen. Außerdem erweist sich der Weg als eine Art Hindernisparkour, denn es liegen ständig Baumstämme quer über den Pfad, durch die man wahlweise untendurchkriechen oder drüberklettern kann. Beides ziemlich akrobatisch mit Rucksack. Ohne Gepäck wäre es vielleicht sogar eine Zeitlang lustig, aber so wird es spätestens ab dem zehnten Stamm etwas nervig (und es sollen noch sehr viel mehr werden – aber das wissen wir jetzt noch nicht…). Die Ramza-Hütte erreichen wir bei einsetzendem Regen und die Kinder teilen schon mal die "Betten" (Holzlattenroste in 2 Etagen, die etlichen Menschen Platz bieten) unter sich auf.

   

Wir warten den Regen bei einer Brotzeit ab und beschließen dann, doch noch ein Stück weiterzugehen, da es noch früh am Nachmittag und das Wetter wieder schön ist. Da es bis Sedlo Priehyba wahrscheinlich zu weit wird und vorher keine Wasserquelle mehr eingezeichnet ist, machen wir an der Quelle noch unseren Wassersack voll (4 – 5 Liter, die Hannah jetzt zusätzlich schleppt) und nehmen uns Havrania Polana als Orientierungspunkt, lt. Wegweiser eine reichliche Stunde von hier. Das hohe Gras incl. Heidel- und Himbeeren ist nun allerdings nass – unsere Hosen sind es nach ein paar Minuten folglich auch. Nach dem ausgiebigen Regen und der nun folgenden Sonne kann man allenthalben herrliche Wolkenspiele beobachten – cool! Die Baumstämme über den Weg werden aber immer mehr und zumindest gefühlt auch immer unüberwindlicher – als wir nach mehr als 2 Stunden Havrania Polana erreichen, sind wir ziemlich geschafft und sehr froh, dort eine gute Zeltmöglichkeit zu vorzufinden, denn zwischen Ramza und hier gab es keine Stelle, an der man 3 Zelte hätte aufbauen können. Nach dem obligatorischen Abendkochen (leckere Nudeln mit Spinat-Käse-Soße) fallen wir übergangslos in unsere Schlafsäcke.

Samstag, 09.08. Havrania Polana

6:30 Uhr. Es regnet. Ich drehe mich im Schlafsack nochmal rum und schlafe weiter. 7:30 Uhr. Es regnet immer noch. Wir beschließen, bei uns (d.h. Hannah und mir) im Vorzelt zu kochen und dann auch alle gemeinsam hier zu frühstücken. Gesagt, getan. Ein Glück, dass wir so ein geräumiges Vorzelt haben. 9:30 Uhr. Das ausgedehnte Frühstück zu sechst in Vorzelt und Zelt ist beendet und es regnet immer noch. Wir beschließen, erstmal abzuwarten. Bei uns im Zelt wird jetzt Uno gespielt und ich schreibe (so richtig mit Stift und Zettel, mein ich) an diesem Blogeintrag. 11:30 Uhr. Die Uno-Spieler haben sich verzogen und es regnet immer noch. Hannah liest und ich greife jetzt auch zum Buch…

   

18:30 Uhr. Es regnet unvermindert. Mein Buch (Mordshunger von Frank Schätzing) ist ausgelesen (darauf hat Hannah schon gewartet – sie nutzt jede Chance, NICHT den für die Schule mitgenommenen Michael Koolhaas lesen zu müssen). Zwischendurch haben wir Mittagessen gekocht und gegessen (lecker Reis mit Hirschgulasch-Pilz-Soße) und Beruferaten gespielt. Demnächst gibt’s Abendbrot und dann geht es dorthin, wo wir schon den ganzen Tag verbracht haben – in die Schlafsäcke. Für morgen haben wir eine Schlecht- und eine Schönwettervariante beschlossen – entweder den direkten Abstieg nach Süden oder einen längeren nach Norden. Ab übermorgen haben wir ein Ferienhaus in Hrabusice, am Nordrand des Slowakischen Paradieses, gemietet. Unsere Kammwandertour werden wir nun nicht wie geplant bis ganz zum Ende laufen können. Schade, aber auch kein Beinbruch – dann wird das letzte Stück Kammweg eben ohne uns auskommen müssen…

Sonntag, 10.08. Havrania Polana – Svarinka dolina

7:00 Uhr. Ich erwache von der Sonne, die auf’s Zelt scheint. Super! Das muss ich natürlich gleich den anderen mitteilen – nun sind wenigstens alle wach ;-). Wir können also (nach einem wie immer ausgedehnten Frühstück – falls jemand daran zweifelte) unsere Schönwettervariante angehen: Auf dem Kamm über Homolka (nein, das hat nix mit der gleichnamigen Kettensäge zu tun) noch weiter bis Zadna Hola, dann den gelben Weg auf einem Nebenkamm über den Gipfel Velky Bok (1727 m) und hinunter ins Tal "Svarinka dolina" bzw. zum Forsthaus Svarin am Ende (oder Anfang – je nach Betrachtungsweise) des Tals. Dort dann im günstigsten Fall per Bus und im wahrscheinlicheren Fall zu Fuß auf der Landstraße nach Kralova Lehota, von wo wir mit dem Zug zu unserem ab morgen gemieteten Ferienquartier in Hrabusice fahren können. Vom Gipfel des "frei stehenden" Velky Bok erhoffen wir uns eine schöne Aussicht, so es denn zum Zeitpunkt unseres dortigen Verweilens überhaupt Sicht gibt.

   

Der Weg geht erstmal so weiter, wie er gestern aufgehört hat – über umgestürzte Bäume. Zum Glück nicht allzu lang, dann kommen Latschenkiefern (für deren Dschungel man jetzt schon fast dankbar ist) und dann sind wir "draußen" (für den Nichthochgebirgsfreak: oberhalb der Baumgrenze). Es läuft sich gut bei strahlendem Sonnenschein. Bald zweigt unser Weg auf den Seitenkamm ab, erstmal eine Weile bergab (über Latschenkieferdschungel bis in die Region der umgestürzten Bäume), dann zuerst durch fast mannshohe Brennnesseln (immerhin mal was anderes, wenn’s nicht so lästig wäre, würde ich fast sagen: beeindruckend) und danach herrlich über Blumenwiesen sanft ansteigend auf den Velky Bok. Die Aussicht ist schon bergauf sehr lohnend (praktisch der gesamte Kamm der Niederen Tatra, z.B. Dumbier im Westen und Kralova Hola im Osten), aber oben angekommen wird es wirklich atemberaubend, als im Norden das Felsmassiv der Hohen Tatra zum Greifen nah erscheint (kommt leider mit meiner billigen Digicam nicht so raus, wer’s nicht glaubt, überzeugt sich am besten vor Ort selbst). Wir können Krivan und Lomnitzspitze ausmachen, den Rest genießen wir als Ganzes. Alle sind begeistert und wir sind fast ein bisschen dankbar für den Regentag, der uns zu dieser "Abkürzung" gezwungen hat.

    

Gut gelaunt geht es nach ausgiebigem Gucken (und natürlich Essen) weiter, diesmal zur Abwechslung durch knie- bis hüfthohes Gras, in dem der Pfad oft kaum noch auszumachen ist. Läuft sich aber trotzdem vergleichsweise gut. Nach den Latschenkiefern kommt mit abnehmender Höhe der Wald und damit – na? … Ihr wisst schon. Anfangs ist der Pfad zumindest noch gut markiert, später dann gar nicht mehr – das liegt aber daran, dass wir ihn verloren haben (wie wir leider erst ziemlich spät bemerken). Es ist aber immerhin mit etwas gutem Willen noch so eine Art Weg zu erkennen, auch wenn dieser allem Anschein nach eher von Wildtieren als von Menschen benutzt wird. Das Ganze an einem steilen Hang um das Tal herum, in dem wir tief unten den Bach rauschen hören und in das wir eigentlich hinunter wollen. Natürlich über Stock und Stein – und Baumstämme. Hannah flitzt vornweg wie ein Wiesel, sie scheint als Einzige noch Spaß dabei zu haben.

Irgendwann treffen wir auf eine Quelle, richtig angelegt mit Rohr und Topf zum Schöpfen. Das hebt die Stimmung wieder etwas – zeugt es doch davon, dass hier schon einmal menschliche Wesen vorbeigekommen sind. Nun naht auch schon bald die Erlösung in Form einer frei gefrästen Schneise, aus der mit der Zeit so etwas ähnliches wie eine Forststraße wird und die uns direkt nach unten ins Tal führt. Dort finden wir dann auch unseren gelb markierten Wanderweg wieder und die Welt ist in Ordnung. Wir gehen noch, bis wir eine schöne Zeltstelle finden – dort können wir den Abend sogar noch bei einem Lagerfeuer (und Lauchcreme-Pilz-Suppe, angereichert mit einer großen Menge von Andrea und Steffen hinterherbummelnderweise gesammelter Pilze) beschließen.

Montag, 11.08. Svarinka dolina – Kralova Lehota – Hrabusice

Nach einer erfrischenden Morgenwäsche im Bach und dem schon zur Institution gewordenen ausgiebigen Frühstück in freier Natur gehen wir das letzte Wegstück heraus aus dem Gebirge an. Leider erweist sich dieses schon bald (lange vor dem Forsthaus Svarin) als Teerstraße. Wir trotten also in verhältnismäßig schnellem Schritt aus dem Tal heraus und gelangen zur Landstraße nach Kralova Lehota. Dort ist auf unserer (zugegebenermaßen über 20 Jahre alten) Karte eine Bushaltestelle eingezeichnet – diese scheint aber von der Wirklichkeit eingeholt worden zu sein. Also weitere 6 km Landstraße zum Bahnhof in Kralova Lehota.

   

Von dort fahren wir mit dem Zug bis Vrdnik, dann trennen uns nur noch 2 km – Landstraße – von Hrabusice, wo wir ganz gediegen (manche sagen vielleicht auch spießig – lass ich auch gerne gelten) für die verbleibenden Tage ein Ferienhaus gemietet haben.

11.08. – 16.08. Abtrainieren im Slowakischen Paradies

Die restliche Woche verbringen wir bei einigen Schluchten (Sucha Bela, Kysel-Klamm, Hornad-Durchbruch), gemischt mit etwas Kultur (Zipser Burg, Levoca) sowie gutem Essen + Bier und viel Ruhe im Slowakischen Paradies.

   

Die Schluchten sind durchaus auch sehr schön, wenn man sie ganz normal benutzt (also die Leitern z.B. zum Hochklettern oder die Hängebrücken zum Drübergehen). Hannah und Elias allerdings (von den schweren Rucksäcken befreit eindeutig nicht mehr richtig ausgelastet) macht es den größten Spaß, an den Leitern vorbei am Felsen hochzuklettern oder auf den Hängebrücken zu schaukeln.

          

   

Fazit + Tipps

Ein Urlaub in der Slowakei ist sehr zu empfehlen, wenn man

  • gern wandert, insbesondere im Gebirge (dabei spielt es keine Rolle, ob man Mittel- oder Hochgebirge, leichte oder anspruchsvolle Wanderungen, Tagestouren von einem festen Standort aus oder mehrtägige Wanderungen bevorzugt – es findet sich für jeden Geschmack etwas)
  • die tschechische bzw. slowakische Küche (Gulasch mit Knödeln, gebackener Käse und Palatschinken waren unsere Favoriten – aber Schnitzel, Fischfilet und diverse Pastagerichte finden sich auch in fast jeder Gaststätte auf der Speisekarte) und eventuell noch ein Bier dazu mag
  • ein bisschen Kultur (optional) nicht abgeneigt ist
  • möglichst preiswert Urlaub machen will.

Eigentlich muss man nichts besonders beachten, vielleicht nur so viel:

  • Die Landessprache ist slowakisch, Jüngere sprechen manchmal englisch, Ältere gelegentlich deutsch. Russisch wird meist verstanden, aber kaum gesprochen. Wir konnten uns damit trotzdem recht gut verständlich machen. Ansonsten geht alles mit ein paar Brocken tschechisch oder slowakisch (kann jeder noch schnell auf der Hinfahrt lernen), viel gutem Willen sowie Händen und Füßen.
  • Das öffentliche Verkehrsnetz ist recht ordentlich, wer sich vorab informieren möchte, findet hier eine gute Quelle – auch in deutsch. Die Busfahrzeiten sind aber mehr als Richtwerte zu betrachten – es ist durchaus keine Seltenheit, dass der Bus eine Viertelstunde später fährt.
  • Wer kein passionierter Autofahrer ist, fährt am besten mit dem Nachtzug – vom 6er Abteil im Liegewagen bis zum Single Deluxe-Abteil ist hier alles drin und im Vergleich zu Deutschland extrem preiswert, wenn man die Fahrkarten erst in Tschechien oder der Slowakei kauft. Tarifinformationen auf deutsch gibt es hier.
  • Geld kann man fast überall tauschen (solange das noch relevant ist), manchmal wird auch Euro akzepziert, aber darauf sollte man sich in den kleineren Orten nicht verlassen, ebensowenig auf Bezahlung mit Kreditkarte. Bankomaten zum Abheben gibt es auch in kleineren Orten.

Ja. Das war’s. War schön.

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Ein Kommentar zu “Ganz ohne Pilgerausweis: Kammwanderung in der Niederen Tatra + Slowakisches Paradies

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